Du oder Sie ist nicht immer Ihre persönliche Entscheidung

  • In konservativen Branchen gilt oft ein grundsätzliches Sie. Ob das zutrifft, entnehmen Sie entweder den firmeninternen Richtlinien oder erfahren es am Einführungstag.
  • In angelsächsisch orientierten oder familiär geführten Unternehmen kann ein kollektives Du vorgeschrieben werden.
  • In manchen Unternehmen wird ausdrücklich verlangt, sich während der Ausbildung zu siezen, auch unter den Azubis. Nach der bestandenen Prüfung und der Übernahme wird individuell entschieden, wie es in Zukunft mit dem Du oder Sie gehandhabt wird.
  • Das Hamburger Sie – z.B.: „Claudia, bringen Sie mir bitte diesen Ordner“ – erweckt den Eindruck, als ob man den Gesprächspartner kleinhalten will. Deshalb rate ich: lassen Sie das Hamburger Sie nicht an Ihnen zu und sprechen Sie niemanden in dieser Form an. Leider wird diese Form häufig bei Frauen angewandt.
    Das Hamburger Sie ist im Norden Deutschlands weiter verbreitet als im Süden.
  • Das Münchner Du – z.B.: „Huber, bring mir den Ordner“ – ist nicht wertschätzend und daher auch nicht zu empfehlen.
  • Manche siezen sich vor dem Kunden und duzen sich, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Das wirkt aber sehr unehrlich und aufgesetzt. Schnell kann beim Kunden die Vermutung entstehen, dass das Geschäftsgebaren nicht integer ablaufen wird.
  • Patriarchisch zu Duzen, selbst aber das Sie zu erwarten, sollte der Vergangenheit angehören. Heutzutage begegnen wir uns jeweils auf Augenhöhe.

Ein weiterer interessanter Fakt: Wenn sich im Einzelhandel das Personal untereinander mit dem „Hamburger Sie“ anspricht, ist das oft vom Konzern vorgeschrieben. Dadurch soll verhindert werden, dass beim Kunden, der ja dort in seiner freien Zeit unterwegs ist, berufliche oder geschäftliche Gefühle hochkommen, selbst wenn das nur unterschwellig ist.

Vor allem Skandinavische Firmen versuchen immer wieder, das Du für Imagezwecke zu nutzen. Ein bekanntes Bekleidungsunternehmen wollte seinem Personal weltweit das Du untereinander aufzwängen. In Deutschland haben manchen Mitarbeiter dagegen geklagt. Ein namhaftes Möbelhaus wollte sogar, dass die Mitarbeiter die Kunden duzen – ähnlich, wie es das Unternehmen in der Werbung handhabt. Das ist in Deutschland nicht durchsetzbar. Die ältere Generation würde das Möbelhaus dann meiden.

Ob Sie sich duzen oder siezen, sollte heutzutage nichts mehr mit vorhandenem, beziehungsweise fehlendem Respekt zu tun haben. Das Sie wahrt lediglich die Distanz zu ihrem Gegenüber.

Das Du hingegen ist aber auch kein Freischein, sich mehr erlauben zu dürfen oder zu privat und indiskret zu werden. Halten Sie Ihr rhetorisches Niveau auch im Du-Verhältnis weit oben. Niemandem sollte es im Nachhinein Leid tun, mit Ihnen per Du zu sein.

Dem Vorgesetzten anzubieten, dass er sie mit dem Vornamen anspricht, ist keine gute Idee. Es kann der Eindruck entstehen, Sie wünschten sich Welpenschutz.

Wer bietet im Job das Du an?

Konstellation Beruf Privat
Vorgesetzter dem Angestellten
gleicher Status, dienstälter und jünger
gleicher Status, Frau dem Mann, wenn sie älter ist
gleicher Status, Mann der Frau, wenn er älter ist

Jedoch sollten sich Höhergestellte nicht zu lange Zeit nehmen, das Du anzubieten. Je länger man damit wartet, desto schwieriger wird es. Irgendwann wirkt es überfällig.
Jemanden aus Antipathie vom Du auszuschließen, während sich alle andern im Umfeld duzen, ist nicht nur extrem unhöflich, sondern kann sogar diskriminierend sein.

Über Vera Reich

Vera Reich ist Expertin für alle Fragen rund ums gute Benehmen. In ihrem Blog "Knigge für Alle – was Viele nicht wissen" beantwortet sie häufige Fragen zum Thema Knigge, gutem Umgang und guter Kommunikation. Vera Reich ist von der IHK zertifizierte Knigge-Trainerin sowie Fördermitglied des Deutschen Kniggebund e.V. Sie bietet regelmäßig Knigge-Seminare für Sie oder Ihre Mitarbeiter an.

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